Junges weibliches Engagement in ländlichen Räumen stärken – Perspektiven aus vier Jahren Programmarbeit der Landheldinnen

Ein Dossier von Kezia Welschke und Stefanie Lippitsch

In vielen sächsischen Kommunen ist seit Jahren ein deutlicher demografischer Wandel zu beobachten. Besonders auffällig ist die Abwanderung junger Frauen* aus ländlichen Regionen – häufig zugunsten urbaner Räume mit besseren Ausbildungs-, Berufs- und Beteiligungsmöglichkeiten. Diese Entwicklung hat weitreichende Auswirkungen auf das soziale, politische und zivilgesellschaftliche Leben vor Ort.

Gleichzeitig zeigt sich, dass junge Frauen* in kommunalpolitischen Gremien, in Leitungsfunktionen von Vereinen sowie in zivilgesellschaftlichen Entscheidungsstrukturen weiterhin unterrepräsentiert sind. Ihre Perspektiven, Bedarfe und Themen finden dadurch weniger Eingang in kommunale Entscheidungsprozesse. Dies schwächt nicht nur die gleichberechtigte Teilhabe, sondern auch die demokratische Qualität lokaler Entwicklung insgesamt.

Dabei verfügen Mädchen* und junge Frauen* über ein hohes Engagementpotenzial und ein ausgeprägtes Interesse an Mitgestaltung – insbesondere, wenn Beteiligung ernst gemeint ist und reale Wirksamkeit entfaltet. Dennoch stehen ihrer aktiven Mitwirkung strukturelle Hürden entgegen: fehlende niedrigschwellige Beteiligungsformate, mangelnde Sichtbarkeit weiblicher Vorbilder, eingeschränkte Mobilität, unzureichende sichere Räume sowie tradierte Geschlechterrollenbilder. Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Die Stärkung junger weiblicher Beteiligung ist nicht allein eine gleichstellungspolitische Aufgabe, sondern eine zentrale Zukunftsfrage für ländliche Räume. Es braucht gezielte Empowerment-Angebote, sichtbare Vorbilder und verlässliche kommunale Strukturen, die Mädchen* und jungen Frauen* echte Mitgestaltung ermöglichen.

Vor diesem Hintergrund setzte das Programm Landheldinnen als Teil des Programmverbundes „Stark im Land“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) an. Von 2022 bis 2025 förderte es gezielt die Beteiligung und das Engagement von Mädchen* und jungen Frauen* in ländlichen Räumen Sachsens.

Ziel war es, Mädchen* und junge Frauen* zu ermutigen und zu stärken, damit sie ihre Kommunen aktiv mitgestalten und Verantwortung in politischen Gremien sowie zivilgesellschaftlichen Organisationen übernehmen können. Gleichzeitig sollte die strukturelle Verankerung geschlechtersensibler Beteiligung in Kommunen gestärkt werden.

Zu Beginn des Programms wurde von Oktober 2022 bis März 2023 eine umfassende Bedarfserhebung durchgeführt. Ziel war es, bestehende Beteiligungsstrukturen, Barrieren und Entwicklungsbedarfe systematisch zu erfassen sowie die Perspektiven und Erfahrungen von Mädchen* und jungen Frauen* selbst in den Mittelpunkt zu stellen.

Methodik

Die Erhebung kombinierte qualitative und quantitative Methoden. In zwei Mädchenwerkstätten (30 Teilnehmerinnen im Alter von 12–17 Jahren) sowie in sogenannten Critical-Friends-Workshops mit kommunalen Vertreter:innen, politischen Akteur:innen, Fachkräften aus Wissenschaft, Jugendarbeit und Gemeinwesen (20 Frauen* im Alter von 28–60 Jahren) wurden unterschiedliche Perspektiven einbezogen.

Ergänzend wurde eine sachsenweite Online-Befragung durchgeführt, an der 544 Mädchen* und junge Frauen* teilnahmen. Dieser partizipative Ansatz stellte sicher, dass Mädchen* nicht lediglich als Zielgruppe, sondern als Expertinnen ihrer Lebensrealitäten wahrgenommen wurden.

Die Empfehlungen wurden in der Broschüre „Gesehen, gehört, ernstgenommen werden – Chancen von Mädchen*beteiligung für ländliche Räume“ veröffentlicht und bildeten die fachliche Grundlage für die anschließenden Programmschritte.

Zentrale Ergebnisse

Die Ergebnisse zeigen deutlich: Mädchen* und junge Frauen* in ländlichen Räumen bringen grundsätzlich ein hohes Interesse an Mitbestimmung und Engagement mit. Gleichzeitig bestehen erhebliche strukturelle Hürden.

Beteiligungsangebote werden häufig als wenig zugänglich, stark formalisiert oder nicht an die eigene Lebensrealität angepasst, erlebt. Mitwirkung erfolgt vielfach erst zu einem Zeitpunkt, an dem Entscheidungen bereits weitgehend getroffen sind, sodass tatsächliche Einflussmöglichkeiten begrenzt erscheinen.

Als zentrale Barrieren wurden insbesondere benannt:

  • eingeschränkte Mobilität und unzureichende ÖPNV-Anbindungen
  • lange Wege und ungünstige Veranstaltungszeiten
  • fehlende sichere und geschützte Räume
  • mangelnde Information über Beteiligungsmöglichkeiten

Hinzu kommen Unsicherheitsgefühle im öffentlichen Raum – insbesondere in den Abendstunden – sowie die Erfahrung, mit eigenen Anliegen nicht ausreichend ernst genommen zu werden. Jugendrelevante Themen werden in kommunalen Entscheidungsprozessen häufig als nachrangig behandelt.

Zudem fehlen sichtbare weibliche Vorbilder in politischen und zivilgesellschaftlichen Leitungspositionen. Geschlechterstereotype und tradierte Rollenbilder wirken weiterhin als implizite Ausschlussmechanismen.

Gelingensbedingungen

Gleichzeitig benennt die Bedarfserhebung klare Faktoren, die Beteiligung fördern:

  • niedrigschwellige, lebensweltnahe Formate
  • persönliche Ansprache
  • klare Zuständigkeiten
  • Beteiligung im Peer-Kontext
  • kontinuierliche Begleitung und verlässliche Ansprechpersonen

Mädchen* wünschen sich Beteiligungsangebote, die Spaß machen, Kompetenzen stärken und konkrete Wirksamkeit erfahrbar machen. Beteiligung soll auf Augenhöhe stattfinden und ernst gemeint sein.

Handlungsempfehlungen

Auf Grundlage der Erhebung wurden die Ergebnisse in konkrete Handlungsempfehlungen überführt. Diese betonen die Notwendigkeit, Mädchen*beteiligung als Querschnittsaufgabe kommunaler Entwicklung zu verstehen.

Zentrale Empfehlungen sind:

  • der Ausbau sicherer und geschützter Beteiligungsräume
  • die institutionelle Verankerung von Mädchen*beteiligung
  • die Verbesserung von Mobilitätsbedingungen
  • ein grundlegender Haltungswandel hin zu wertschätzender und verbindlicher Einbindung junger weiblicher Perspektiven

Die zentralen Programmaktivitäten bestanden in der Entwicklung und Umsetzung niedrigschwelliger Beteiligungs- und Empowerment-Formate für Mädchen* und junge Frauen*. Ab 2023 wurden landesweit Workshopreihen mit Teilnehmerinnen im Alter von 12 und 20 Jahren durchgeführt, die gezielt Kompetenzen wie Selbstbehauptung, Schlagfertigkeit und kommunikative Stärke, Meinungsbildung und Rollenfindung stärkten. Die Formate boten geschützte Räume, in denen Mädchen* ihre Anliegen formulieren, sich gegenseitig stärken und Beteiligung als positive, wirksame Erfahrung erleben konnten. Die Formate setzten bewusst auf praxisnahe, erlebnisorientierte Zugänge, die an den Lebensrealitäten der Mädchen* und jungen Frauen* anknüpfen und die individuellen Erfahrungen, Bedürfnisse und Ressourcen der Teilnehmerinnen in den Mittelpunkt rückten.

Ob in WenDo-Workshops zur Selbstverteidigung und Grenzsetzung, in kreativen Formaten wie dem Workshop „Mut zur Wut“, in dem Gefühle künstlerisch verarbeitet wurden, bei der Spurensuche der „Mädchendetektivinnen“ nach weiblichen Vorbildern und der Sichtbarkeit von Frauen* in der eigenen Kommune oder im Schlagfertigkeitstraining zur Stärkung der verbalen Durchsetzungsfähigkeit: Die Mädchen konnten neue Handlungsstrategien erproben, sich gegenseitig bestärken und Selbstwirksamkeit unmittelbar erleben.

Ergänzend zu den Empowerment-Formaten setzte das Programm gezielt auf öffentlichkeitswirksame Dialogformate. Diese zielten darauf ab, weibliches Engagement in ländlichen Räumen sichtbar zu machen, unterschiedliche Engagement-Biografien abzubilden und den Austausch zwischen engagierten Mädchen*, jungen Frauen* und erwachsenen Akteur:innen zu fördern. Im Mittelpunkt stand dabei, Stimmen hörbar zu machen, Vorbilder sichtbar werden zu lassen und Beteiligung als selbstverständlichen Bestandteil kommunaler Entwicklung zu stärken. Mit einer Talkrunde mit engagierten Mädchen* und Frauen* beim GörlzDay des Kreisjugendring Erzgebirge und der überregionalen Fachveranstaltung „Stimme erheben, Land bewegen – Mädchen* gestalten Politik“ vom Programm Landheldinnen selbst, wurden Räume geschaffen, in denen Erfahrungen geteilt, strukturelle Herausforderungen benannt und gemeinsame Perspektiven entwickelt werden konnten.

Der GörlzDay ist ein landkreisweiter Aktionstag zur Stärkung von Mädchen* im Erzgebirgskreis. In einem vielfältigen Programm aus Workshops und Mitmachangeboten werden Beteiligungsmöglichkeiten erlebbar, niedrigschwellige Zugänge eröffnet sowie sichere Räume für Austausch ermöglicht. Der GörlzDay wird von lokalen Trägern der Jugend- und Beteiligungsarbeit in Kooperation mit kommunalen Akteur:innen umgesetzt. Das Programmteam der Landheldinnen beteiligte sich mehrfach mit eigenen Formaten an dem Aktionstag.

Im Jahr 2025 wurde unter anderem die Talkrunde „Deine GörlPower und Beteiligung“ umgesetzt, in der engagierte Mädchen* und Frauen* aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen miteinander ins Gespräch kamen:

  • Selina Rothert (Mitglied im Jugendkreisteam)
  • Annett Löser (Geschäftsführerin Alte Brauerei e. V.)
  • Ailina Stein (Mitglied im Jugendrat Neukirchen)
  • Michelle Baier (Stadträtin in Annaberg-Buchholz)
  • Lina Zeeh (Mitglied im Kreisschülerrat Erzgebirgskreis sowie Landesschülerrat Sachsen)
  • Saskia Schramm (Ortswehrleiterin der Freiwilligen Feuerwehr Annaberg-Buchholz)
  • Zoe Kache (Mitglied im Jugendrat in Neukirchen)
  • Salam Aldathan (Mitglied im Kreisschülerrat Erzgebirgskreis)

Dabei wurde deutlich, dass Engagement sehr unterschiedlich aussehen kann: Manche Teilnehmerinnen wuchsen damit auf und sehen es als Selbstverständlichkeit, anderen zu helfen, während andere erst durch externe Impulse den Weg ins Ehrenamt fanden und die Bedeutung eigener Meinung und Beteiligung entdeckten. Gleichzeitig betonten sie, wie wichtig es ist, sichtbar zu sein und selbstbewusst aufzutreten – gerade in Bereichen, die traditionell von Männern dominiert werden. Mehrere Teilnehmerinnen hoben hervor, wie wichtig es ist, sich nicht zu verstecken und die eigene Perspektive einzubringen. Eine Teilnehmerin formulierte ihre Motivation besonders eindringlich: „Ich will nicht hinterher sagen: Ja, hätte ich mal.“ Die Teilnehmerinnen betonten, dass „Mädchen und Frauen immer noch zu leise“ seien und dass „Männer zwar viel zu sagen haben, aber Frauen zu hören genauso wichtig ist.“

Neben den persönlichen Erfahrungen thematisierten die Teilnehmerinnen auch strukturelle Herausforderungen: Viele Angebote sind schwer zugänglich, Wege lang, Sitzungszeiten ungünstig, die Mobilität durch die eingeschränkte ÖPNV-Anbindung erschwert. Zeitmangel gilt als größte Hürde, und der Begriff „Engagement“ kann Hemmschwellen erzeugen, wenn er als hochtrabend wahrgenommen wird. Niedrigschwellige Formate, Peer-Support, gemeinsames Mitmachen mit Freundinnen, sichtbare Erfolge und Spaß an der Sache wurden als praktische Wege vorgeschlagen, diese Hürden zu überwinden.

Darüber hinaus stehen Sicherheit, geschützte Räume und inklusive Strukturen im Vordergrund: Mädchenclubs, Shuttle-Angebote, bessere Beleuchtung, angepasste Sitzungszeiten und die stärkere Berücksichtigung jugendrelevanter Themen wurden als notwendig erachtet. Auch ein Wandel der Haltung zwischen Generationen sowie die Entstigmatisierung von Tabuthemen wie Menstruation und die Einbeziehung vielfältiger Perspektiven sind zentral.

Abschließend gaben die
Teilnehmerinnen praxisnahe Tipps:

  • „Nimm jemanden dazu – macht’s einfacher.“,
  • „Einfach ausprobieren – nicht so viel drüber nachdenken!“,
  • „Dranbleiben erstmal – nicht gleich aufgeben.“

Insgesamt zeigte der GörlzDay, dass Beteiligung wirkt: Sie verbindet, macht Stimmen hörbar und ermöglicht konkrete Veränderungen. Wenn Mädchen* und junge Frauen* ermutigt, unterstützt und sichtbar gemacht werden, entsteht Motivation, Selbstwirksamkeit und die Lust, aktiv mitzugestalten – und genau das ist der Kern der „GörlPower“.